Erfolg­reich bewer­ben im Architekturbüro

In den letz­ten zehn Jah­ren haben wir mit zahl­rei­chen Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen aus Archi­tek­tur­bü­ros gespro­chen. Fakt ist: Archi­tek­tur­bü­ros bekom­men vie­le Bewer­bun­gen. Wie jun­ge Archi­tek­ten aus der Mas­se hervorstechen.

Rund 500 Mit­ar­bei­ter des Archi­tek­tur­bü­ros gmp set­zen an welt­weit 14 Stand­or­ten jähr­lich mehr als 100 Pro­jek­te um. Mit Lin­gang New City ent­steht bei Shang­hai eine gan­ze Stadt nach den Plä­nen des Unter­neh­mens. Hier sol­len bis 2020 rund 800.000 Bewoh­ner leben. Kei­ne Fra­ge: gmp ist ein attrak­ti­ver Arbeit­ge­ber. Stel­len­aus­schrei­bun­gen wer­den in den Print- und Inter­net­aus­ga­ben der bekann­ten Bran­chen­me­di­en ver­öf­fent­licht, den­noch gehen allein im Ber­li­ner Büro täg­lich über 20 Initia­tiv­be­wer­bun­gen ein. Die Zeit, sich mit Bewer­bun­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen, ist knapp. Ein Bewer­ber muss es also schaf­fen, dass Jochen Köhn, asso­zi­ier­ter gmp-Part­ner am Ber­li­ner Stand­ort, auf den ers­ten Blick Lust ver­spürt, bei die­ser Bewer­bung zu ver­har­ren. „Wir Archi­tek­ten sind stark bild­ori­en­tiert“, beschreibt er, „daher schaue ich neben der Gestal­tung des Anschrei­bens zunächst in die Map­pen.“ Bereits in die­sem Moment wür­den sehr vie­le Bewer­bun­gen aussortiert.

Auch Ger­hard G. Feld­mey­er ist ein Freund der klas­si­schen Bewer­bungs­map­pe. „Aus ihr spricht für mich am stärks­ten die per­sön­li­che Hand­schrift, da dem Bewer­ber damit weit­aus grö­ße­re Spiel­räu­me zur Dar­stel­lung sei­ner Archi­tek­tur­auf­fas­sung sowie sei­nes gestal­te­ri­schen Talents gebo­ten wer­den. Anmu­tung, Inhalt, For­mat, Hap­tik, all das sind Aspek­te, die online nur sehr viel schwe­rer zu trans­por­tie­ren sind“, sagt er. Seit zehn Jah­ren ist der Archi­tekt zusam­men mit sei­nem Part­ner Joa­chim H.Faust als geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter für die Unter­neh­mens­füh­rung bei HPP Archi­tek­ten ver­ant­wort­lich. Das Büro mit Haupt­sitz in Düs­sel­dorf beschäf­tigt welt­weit 330 Mit­ar­bei­ter und zeich­net ver­ant­wort­lich für Sta­di­en wie „Auf­Schal­ke“ oder die „BayAre­na“ oder die Pla­nung des Expo Vil­la­ge in Shang­hai. Feld­mey­er rät Bewer­bern, auf Flos­keln zu ver­zich­ten: „Es gibt nichts Schlim­me­res als All­ge­mein­plät­ze. Ich möch­te in einer Bewer­bung etwas Ein­zig­ar­ti­ges, Indi­vi­du­el­les finden.“

„In unse­rer Bran­che gehen wir sehr kol­le­gi­al, meist freund­schaft­lich mit­ein­an­der um, das Du ist weit ver­brei­tet. Den­noch gibt es Hierarchien.“

Jochen Köhn

Archi­tekt, Asso­zi­ier­ter Part­ner, gmp

„Einen Mas­ter soll­te ein Bewer­ber schon mit­brin­gen, weil wir dies als eine voll­wer­ti­ge Aus­bil­dung sehen.“

Hanns Zieg­ler

Mit­glied der Geschäfts­füh­rung, Sta­ab Architekten

Hanns Zieg­ler schätzt Bewer­bungs­map­pen wegen ihrer ein­fa­chen Hand­ha­be. Bereits als job­ben­der Stu­dent hat er sein Herz an Sta­ab Archi­tek­ten ver­lo­ren. Seit er 1995 sein Diplom gemacht hat­te, ist er kon­ti­nu­ier­lich für das Büro in Ber­lin-Kreuz­berg tätig. 2008 wur­de er in die seit­her vier­köp­fi­ge Geschäfts­füh­rung auf­ge­nom­men. Das Büro beschäf­tigt 90 Mit­ar­bei­ter und ist aktu­ell bei­spiels­wei­se mit Sanie­rung und Erwei­te­rung des Jüdi­schen Muse­ums in Frank­furt betraut. Zieg­ler sagt, ein gutes Anschrei­ben sol­le nicht den Ein­druck erwe­cken, gleich­lau­tend an zehn wei­te­re Büros gegan­gen zu sein, son­dern viel­mehr auf­zei­gen, war­um der Bewer­ber gera­de für Sta­ab Archi­tek­ten arbei­ten will. „Es ist ein sehr guter Ansatz, wenn wir erken­nen, dass jemand Din­ge wert­schätzt und mit eige­nen Wor­ten aus­drückt.“ Wer ein­fach nur die Stel­len­be­schrei­bung wie­der­ge­be und sei­nen Namen dar­un­ter­set­ze, der erwe­cke nicht den Ein­druck, gut for­mu­lie­ren und ana­ly­sie­ren zu können.

Sicher­lich ist das Inter­es­se an Bewer­bungs­map­pen in der Archi­tek­tur stär­ker aus­ge­bil­det als in ande­ren Bran­chen, dies gilt aller­dings nicht für alle Arbeit­ge­ber: „Wir bevor­zu­gen die Online­be­wer­bung. Die Vor­tei­le sind die schnel­le­re Bear­bei­tung und eine bes­se­re Über­sicht, ob die Bewer­bungs­un­ter­la­gen voll­stän­dig sind“, sagt Dr. Georg Schu­ma­cher, Head of Human Resour­ces bei ATP archi­tek­ten inge­nieu­re. Das Büro mit Haupt­sitz in Inns­bruck beschäf­tigt welt­weit 550 Mit­ar­bei­ter und ist in Deutsch­land mit zwei Stand­or­ten ver­tre­ten. Zu den bekann­tes­ten Bau­wer­ken zählt der Mill­en­ni­um Tower in Wien, der 1999, zu sei­ner Bau­zeit, das höchs­te Büro­ge­bäu­de Öster­reichs war.

Eige­ne Stär­ken hervorheben

Die Voll­stän­dig­keit der Unter­la­gen spre­chen alle vier Gesprächs­part­ner an, sie hat Signal­wir­kung auf die poten­zi­el­len­Ar­beit­ge­ber. Es ver­steht sich von selbst, dass ein Bewer­ber, der Archi­tek­tur-Stan­dards wie Ent­wür­fe nicht bei­fügt – obwohl sie aus­drück­lich gefor­dert sind –, kaum den Ein­druck erweckt, wirk­lich an einer Ein­stel­lung inter­es­siert zu sein oder beson­ders akri­bisch zu arbeiten.

Sich bewer­ben bedeu­tet für sich wer­ben – enorm wich­tig ist also, eige­ne Stär­ken her­vor­zu­he­ben. Wer sich in bestimm­ten Berei­chen über­durch­schnitt­lich ent­wi­ckeln konn­te, der soll­te dies nicht für sich behal­ten, son­dern die Fähig­keit gezielt prä­sen­tie­ren, um sich von ande­ren Bewer­bern abzu­he­ben. „Wir wol­len Mit­ar­bei­ter, die in ihrem Bereich Spit­zen­leis­tun­gen erbrin­gen“, sagt Jochen Köhn. Die­se Aus­sa­ge beinhal­tet auch, dass es rat­sam ist, sich nur dann zu bewer­ben, wenn die beschrie­be­nen Erwar­tun­gen erfüllt wer­den kön­nen – sei­en es Kennt­nis­se bestimm­ter Fach­dis­zi­pli­nen oder spe­zi­el­ler Pro­gram­me. Geht aus der Aus­schrei­bung klipp und klar her­vor, dass ein abge­schlos­se­nes Mas­ter­stu­di­um gefor­dert ist, dann soll­te Bache­lor­ab­sol­ven­ten klar sein, dass es sehr guter Argu­men­te bedarf, damit die Bewer­bung nicht umge­hend auf dem Ableh­nungs­sta­pel landet.

Selbst wenn alle Anfor­de­run­gen erfüllt wer­den kön­nen, kann es gute Grün­de geben, sich nicht auf eine Stel­le zu bewer­ben. Betreut ein Unter­neh­men etwa Pro­jek­te rund um den Glo­bus oder weist es in Stel­len­an­zei­gen expli­zit auf wech­seln­de Ein­satz­or­te hin, dann ist Rei­se­lust mit­zu­brin­gen. Wem die wöchent­li­che Dop­pel­kopf­run­de in Dort­mund über alles geht, der wird nicht glück­lich sein, wenn er mona­te­lang in Dubai oder Shen­zhen arbei­ten muss. Wenig Sinn macht es zudem, sich ernst­haft auf eine inter­na­tio­nal aus­ge­rich­te­te Tätig­keit zu bewer­ben, wenn die Fremd­spra­chen­kennt­nis­se schwach aus­ge­prägt sind – es sei denn, man spricht die­ses Man­ko offen an. Soll­te ein Bewer­ber näm­lich die ande­ren gefor­der­ten Qua­li­tä­ten mit­brin­gen, lässt sich die Finan­zie­rung eines Eng­lisch-Crash-Kur­ses locker ver­schmer­zen. Vie­le Unter­neh­men sind gern bereit, in die Qua­li­fi­zie­rung viel­ver­spre­chen­der Mit­ar­bei­ter zu investieren.

„Wer im Stu­di­um nie­mals eine Grup­pen­ar­beit absol­viert hat, ist mög­li­cher­wei­se kein Team­play­er. Letzt­lich bewer­ten wir sol­che Aspek­te jedoch nicht über.“

Ger­hard G. Feldmeyer

Geschäfts­führender Gesell­schaf­ter, HPP Archi­tek­ten

„Eine 08/15-Bewer­bung über­zeugt uns nicht. Indi­vi­du­el­le Bewer­bun­gen, die sich her­vor­he­ben und pfif­fig geschrie­ben sind, las­sen auf eine inter­es­san­te Per­sön­lich­keit schließen.“

Dr. Georg Schumacher

Head of Human Resour­ces, ATP archi­tek­ten ingenieure

Wenn Hanns Zieg­ler 30 bis 50 Bewer­bun­gen erhält, dann wer­den meist drei Kan­di­da­ten zum Gespräch ein­ge­la­den. Die ande­ren Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen nen­nen ähn­li­che Zah­len. Dass mehr als 90 Pro­zent der Bewer­ber die zwei­te Run­de nicht errei­chen, ver­deut­licht, wie wich­tig es ist, an einer gut gemach­ten Bewer­bung zu feilen.

Fes­te Gesprächs­ab­läu­fe gibt es nicht. „Bei­de Sei­ten soll­ten die Mög­lich­keit haben, situa­tiv zu reagie­ren, was das Gespräch meis­tens belebt. Ein grö­ße­rer Spiel­raum ergibt außer­dem die Mög­lich­keit, ein umfas­sen­de­res Bild vom Bewer­ber zu erhal­ten“, erläu­tert Ger­hard G. Feld­mey­er. Um zu zei­gen, dass er kei­nen Fra­gen­ka­ta­log abar­bei­tet, hat Jochen Köhn ein lee­res Blatt Papier vor sich lie­gen. Meist schaut er sich die Ent­wür­fe des Bewer­bers an. Aus einem locke­ren Gespräch her­aus erge­ben sich dann die Din­ge, die ihn interessieren.

Und wie sol­len sich Bewer­ber nach Ansicht der Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen im Vor­stel­lungs­ge­spräch dar­stel­len? „Authen­ti­sches Auf­tre­ten wird von uns geschätzt, Natür­lich­keit und Fach­kom­pe­tenz über­zeu­gen in den meis­ten Fäl­len“, ant­wor­tet Dr. Georg Schu­ma­cher. Beson­de­res Augen­merk rich­tet Hanns Zieg­ler auf das Aus­drucks­ver­mö­gen des Bewer­bers: „Wir leben eine nicht hier­ar­chisch gepräg­te Wett­be­werbskul­tur. Dafür brau­chen wir Mit­ar­bei­ter, die für eige­ne Ideen wer­ben und im Gespräch star­ke Bil­der ent­wi­ckeln kön­nen.“ Wer ein Kon­zept vor Augen habe, der müs­se es ande­ren auch prä­sen­tie­ren können.

Auf zu viel Locker­heit verzichten

Im Blick­punkt ste­hen auch die Ver­hal­tens­mus­ter des Bewer­bers. Jochen Köhn warnt bei­spiels­wei­se vor zu viel Locker­heit: „In unse­rer Bran­che gehen wir sehr kol­le­gi­al, meist freund­schaft­lich mit­ein­an­der um, das Du ist weit ver­brei­tet. Den­noch gibt es Hier­ar­chien.“ Man­che Bewer­ber kämen her­ein, als sei man seit Jah­ren befreun­det und fläz­ten sich auf den Stuhl wie in einer Knei­pe. „Wenn ich einen Archi­tek­ten, der sich so ver­hält, zu einem Bau­herrn schi­cken wür­de, dann hät­te ich den Auf­trag wohl ver­lo­ren“, erläu­tert er.

Als wei­te­re schwer­wie­gen­de Feh­ler wer­den arro­gan­tes Auf­tre­ten, Bes­ser­wis­se­rei oder unent­schul­dig­tes Zu-spät-Kom­men genannt. Wer sich mit frem­den Federn schmü­cke, dis­qua­li­fi­zie­re sich selbst. „Wir ken­nen alle wich­ti­gen Pro­jek­te und auch deren Ent­wurfs­ar­chi­tek­ten“, sagt Köhn. Ein fata­ler Bewer­ber­feh­ler sei bei­spiels­wei­se, Gebäu­de als Refe­renz zu nen­nen ohne zu wis­sen, dass dies gmp-Pro­jek­te sind.

Fes­ter Bestand­teil eines Vor­stel­lungs­ge­sprächs bei Sta­ab Archi­tek­ten ist die Büro­füh­rung, bei der die Bewer­ber sehen, dass die gesam­te Beleg­schaft und auch die Geschäfts­füh­rung in einem Groß­raum­bü­ro arbei­ten. Ein der­ar­ti­ges Büro­kon­zept setzt Kom­mu­ni­ka­ti­ons­freu­dig­keit und Team­fä­hig­keit vor­aus. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit ist laut Hanns Zieg­ler rela­tiv leicht zu ergrün­den, in Bezug auf die Team­fä­hig­keit sei es schwie­ri­ger: „Es zeigt sich häu­fig erst wäh­rend der Pro­be­zeit, ob wir mit unse­rer Ein­schät­zung rich­tig lagen.“

Um sich ein Gesamt­bild ver­schaf­fen zu kön­nen, stellt Ger­hard G. Feld­mey­er inner­halb des gesetz­li­chen Rah­mens auch Fra­gen zu per­sön­li­chen The­men oder Hob­bys wie Musik, Kul­tur oder Sport. Natür­lich gebe es Grad­mes­ser, ob ein Bewer­ber team­fä­hig sei, berich­tet er: „Wer im Stu­di­um nie­mals eine Grup­pen­ar­beit absol­viert hat, ist mög­li­cher­wei­se kein Team­play­er. Letzt­lich bewer­ten wir sol­che Aspek­te jedoch nicht über.“ Vor einer Über­in­ter­pre­ta­ti­on warnt auch Hanns Zieg­ler: „Ob jemand Ten­nis oder Vol­ley­ball spielt, sagt wenig über sei­ne Team­fä­hig­keit aus.“ (David Spoo)

Aktua­li­siert am: 16. März 2022

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